Liebe Gemeindemitglieder aus Erksdorf und Speckswinkel!

Alles hat seine Zeit und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; be-halten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zu-nähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. …
Alles hat Gott schön gemacht zu seiner Zeit. Auch die Ewigkeit hat er in der Menschen Herz gelegt.

(aus Prediger 3, 1-11) 
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Worte der Bibel. Viele werden sie vermutlich kennen. Worte großer Gelassenheit und Ruhe. Ruhe und Gelassenheit, die wir immer wieder nötig haben. Frucht langer Erfahrung. Weisheit, die hilft, dem Leben standzuhalten, weil das Leben so ist: Alles hat seine Zeit.

Und dann wird da aufgezählt, abgewogen, anschaulich gemacht: Geboren werden, sterben, weinen, lachen, zerreißen, zunähen. Und wir alle werden hineingezogen in diesen Wechsel, diese elementaren Gegensätze zwischen Leben und Tod.

Das, was die biblischen Weisen da festhalten, klingt etwas wehmütig, mag sein, aber es ist doch ganz unaufgeregt: Es ist so. So ist es.

Jeder ist drin in diesem Hin und Her. Jede hineinverwickelt. Wir als Einzelne. Wir als Familien. Wir als Dorfgemeinschaft. Wir als Kirchengemeinden.

Alles hat seine Zeit. Bauen hat seine Zeit. Ein Haus bauen vielleicht. Einen Verein gründen. Ein Geschäft eröffnen. Oder sonst etwas Neues beginnen. Pflanzen hat seine Zeit. Mit Begeisterung, mit Freude, mit Hoffnung.

Aber auch abbrechen hat seine Zeit oder ausreißen, was gepflanzt ist. Vielleicht weil das Bisherige nicht zur Reife kam, sich überlebt hat, neuen Bedingungen angepasst werden muss, umgebaut, damit mehr Platz ist.

Ja, sicher, in solchen Momenten hat dann immer auch Streit seine Zeit, weil wir unterschiedlich sind, verschiedene Meinungen haben, mitunter selbst nicht so genau wissen, was jetzt der Richtige und Angemessene ist. Und dann muss solcher Streit aus ausgetragen werden. Möglichst sachlich hoffentlich.

Aber dann hat auch der Friede seine Zeit, weil wir fähig sind, miteinander zu reden, aufeinander zu zu gehen, wenn nötig um Vergebung zu bitten und Verzeihung zu gewähren, und weil wir am Ende – als Kirchengemeinde jedenfalls – doch das gleiche Ziel haben: Etwas tun für die Zukunft unserer Gemeinde. Etwas sein zur Ehre Gottes.

Natürlich sind solche Umbrüche, Zeiten, in denen abgerochen wird, wir zu verlieren scheinen, immer Zeiten des Schmerzes, Zeiten, in denen uns nach Klagen zu Mute ist, nach Weinen viel-leicht manchmal sogar. Oder wir schweigen betreten.
Alles hat seine Zeit. Ja, wir mögen es beseufzen. Aber wir sollten uns der Realität stellen. Es kann, sagen die biblischen Weisen, nicht immer nur das Schöne sein. Und auch das Schmerzliche, das Fordernde hat seine Zeit, ist begrenzt, geht vorbei.

Und darum lautet ihre Schlussfolgerung: Alles hat Gott schön gemacht zu seiner Zeit.
Das heißt für mich: Alles, was ist, alles, was mit mir, mit uns geschieht, auch der Wechsel, die Veränderungen, in die wir hineingezwungen sind, hat mit Gott zu tun, ist etwas von ihm.

Jeder Moment, jede Zeit kann uns mit Gott in Verbindung bringen, kann zu einem Gruß des Himmels werden. Oder wie es die Weisen sagen: Auch die Ewigkeit hat er, Gott, in der Menschen Herz gelegt.
Die Ewigkeit ist in jedem Moment enthalten und zu spüren – ob ich lache oder weine, sammle oder wegwerfe. Jeder Moment umgriffen von Gott. Das hilft, das Schwere besser auszuhalten. Das macht neugierig auf das Neue, hoffentlich Schöne, das kommt.

Warum ich das alles so ausführlich schreibe? Sie werden es wohl schon ahnen: weil für uns nun etwas Altes, über Jahre, Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte Gewohntes, Vertrautes aufhört, etwas Neues, Frisches, Unbekanntes und Gewagtes beginnt.

Zum 1. Januar 2018 wird es die Kirchengemeinden Speckswinkel und Erksdorf in der bisherigen Form nicht mehr geben. Wir werden gemeinsam mit Neustadt und Stadtallendorf in der neugebildeten Evangelischen Kirchengemeinde Herrenwald aufgehen.

Sicher wird auch nach dem 1. Januar etliches so bleiben, wie es bisher ist. Die Menschen, die jetzt als Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher Verantwortung für die Kirche vor Ort tragen, werden das (bis zur Kirchenvorstandswahl im Herbst 2019) auch weiterhin tun. Ich werde noch immer als Pfarrer für Sie zuständig sein z.B. bei Geburtstagsbesuchen, Trauungen, Beerdigungen. Die Tür des Pfarrhauses wird sich Ihnen weiterhin öffnen, wenn Sie etwa einen Patenschein brauchen oder sonst ein kleines oder großes Anliegen haben.

Aber manches Neue wird hinzukommen. Die Kinder- und Jugendarbeit etwa wollen wir beleben, intensivieren.

Manches wird sich auch ändern. Z.B. das Gottesdienstangebot. (Es kann, so hoffen wir, vielgestaltiger werden.) Und auch den Kirchspielbrief wird es nicht mehr geben. Die Ausgabe, die Sie in den Händen halten, ist die letzte dieser Art.

All denen, die sich in den vergan-genen Jahren in vielfältiger und kompetenter Weise um den Kirchspielbrief gekümmert haben, sei dafür an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön gesagt.
Anfang Dezember werden Sie die erste Ausgabe des neuen Gemeindemagazins der Ev. Kirchengemeinde Herrenwald, das den Namen „plus“ tragen wird, in Ihren Briefkästen finden.

Auch darin werden Sie Vertrautes lesen können: Informationen aus unseren beiden Orten, Geburtstage, Termine, Freud und Leid. Aber der Blick wird insgesamt weiter werden, über die bisherigen Grenzen hinausgehen.

Ich bitte Sie herzlich, dass Sie alle gemeinsam mit mir, mit unseren Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern diesen Blick über unsere Kirchtürme hinaus wagen und üben, auch wenn es am Anfang vielleicht die eine oder andere Herausforderung und Umstellung bedeutet.

Ihr und Euer Pfarrer
Michael Fenner